Hannah Gieseler „Wie es scheint“

Hannah Gieseler „Wie es scheint“

Hannah Gieseler „Wie es scheint“

Eröffnung: 26.09.2026 ab 16 Uhr

Mit Wie es scheint entwickelt Hannah Gieseler für den Kunstverein Jesteburg eine ortsbezogene Installation, die von der Vorstellung eines Gartens ausgeht. Dieser erscheint jedoch weder als Naturbild noch als abgeschlossener Gegenstand der Darstellung. Vielmehr wird er zum Modell einer Ordnung, die sich fortwährend verändert: Wachstum und Konstruktion, Wiederholung und Abweichung, Setzung und Zufall bestehen nebeneinander und bedingen einander.

Fotografisch bedruckte, transparente Stoffbahnen bilden einen durchlässigen Palmenhain, in dem keramische Arbeiten, großformatige Zeichnungen und skulpturale Elemente aufeinandertreffen. Dabei entsteht kein geschlossenes Szenario. Durchblicke öffnen und verschließen sich, Formen überlagern einander, räumliche Beziehungen verändern sich mit dem Standort der Betrachtenden. Was zunächst als zusammenhängendes Bild erscheint, zerfällt aus der Nähe in Materialien und einzelne Strukturen, um sich aus einer anderen Perspektive neu zu formieren. Wahrnehmung wird hier nicht als bloße Betrachtung vorausgesetzt, sondern als Bewegung im Raum erfahrbar.

Gieselers Praxis bewegt sich zwischen Skulptur, Zeichnung, Keramik, Fotografie und Installation. Die Wahl des Mediums folgt dabei weniger einer festgelegten Werklogik als dem jeweiligen Prozess. Formen werden aufgenommen, variiert und weitergeführt; sie wechseln Maßstab, Materialität und Zustand, tauchen in anderen Zusammenhängen erneut auf oder werden in ein anderes Medium übersetzt. Entscheidend ist weniger ihre Autonomie als das Verhältnis, das sie zu anderen Formen, zum Raum und zu den Betrachtenden eingehen.

Darin liegt auch das Prozessuale dieser Arbeit. Form erscheint bei Gieseler nicht notwendig als Endpunkt einer Entwicklung, sondern als deren vorläufiger Zustand. Verbindungen werden erprobt, Proportionen und Nachbarschaften verschoben, gefundene Lösungen wieder zur Disposition gestellt. Das Unabgeschlossene bezeichnet dabei keinen Mangel, sondern eine produktive Offenheit: die Möglichkeit, dass eine Form unter veränderten Bedingungen eine andere werden kann.

Eine theoretische Nähe ergibt sich hier zum Denken des Anthropologen Tim Ingold, der Form nicht als etwas begreift, das einem passiven Material von außen auferlegt wird. Sie entsteht vielmehr im Vollzug des Machens, im fortgesetzten Antworten von Material, Bewegung und Umgebung aufeinander. Auch Gieselers Arbeiten lassen sich in diesem Sinne als Konstellationen lesen, deren Bestimmtheit nicht unabhängig von ihren Beziehungen existiert. Das Werk ist dann weniger statisches Gegenüber als ein Gefüge, das sich im Raum und in der Zeit ausbildet.

Dies gilt nicht zuletzt für die Ausstellung selbst. Während einer längeren Arbeits- und Aufbauphase im Kunstverein wurden Anordnungen erprobt, verändert und präzisiert. Die räumliche Konstellation folgt damit keinem vollständig vorab fixierten Plan, sondern entwickelt sich in der konkreten Auseinandersetzung mit der Architektur. Nähe und Distanz, Sichtachsen und Korrespondenzen werden zu ebenso wichtigen Mitteln wie die einzelnen Objekte.

Der Titel Wie es scheint führt diese Überlegungen auf die Wahrnehmung zurück. In ihm liegt gleichermaßen eine Feststellung wie ein Vorbehalt. Was erscheint, besitzt zunächst Evidenz – ohne deshalb endgültig bestimmt zu sein. Mit jedem Wechsel des Standpunkts können andere Verbindungen hervortreten, während zuvor erkennbare Zusammenhänge verschwinden. Der Garten erweist sich so weniger als Thema der Ausstellung denn als deren strukturelles Prinzip: als ein Gefüge von Formen, Beziehungen und unterschiedlichen Zeitlichkeiten, das gerade darin Bestand hat, dass es sich verändert.

Hannah Gieseler, 1980 in Buchholz geboren und in der Nordheide aufgewachsen, lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam sowie am Institute for Art in Context der Universität der Künste Berlin. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt.

AUSSTELLUNG BIS 08.11.2026

 

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