WILL I EVER – werde ich jemals? Bereits der Titel der Ausstellung von Stephanie Erdbories lässt etwas Entscheidendes offen. Ihm fehlt die Handlung, die Ergänzung, vielleicht sogar das Versprechen einer Antwort. Was bleibt, ist eine Frage, die sich unmittelbar auf die Betrachtenden überträgt: Will I ever love again? Will I ever stop overthinking? Will I ever be enough? Will I ever arrive? Das Unvollständige wird zum Möglichkeitsraum – und die Frage zu einer Projektionsfläche für eigene Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen.
In ihrer Ausstellung im Kunstverein Jesteburg untersucht Stephanie Erdbories das Verhältnis von Sprache, Erinnerung und Materialität und damit die Frage, wie sich etwas bewahren lässt, dessen eigentliche Qualität gerade darin besteht, vorüberzugehen. Ausgangspunkt ihrer Arbeiten sind kurze Sätze, Fragmente und beinahe beiläufige Notate: intime Botschaften, Fragen, Versprechen und Beobachtungen, die zwischen persönlicher Mitteilung und allgemeiner Erfahrung oszillieren. Erdbories erzählt keine abgeschlossenen Geschichten. Ihre Sprache setzt vielmehr etwas in Bewegung, das sich erst in der Begegnung mit den Betrachtenden vervollständigt.

Schrift begegnet uns dabei nie allein als Träger von Bedeutung. Sie wird Linie, Geste und Spur. In den großformatigen Malereien trifft die fragile Präsenz handgeschriebener Worte auf eine ausgesprochen körperliche Malerei. Farbe wird geschichtet, gezogen, überlagert und verwischt; die Bewegung ihrer Entstehung bleibt in den Oberflächen erhalten. Sätze wie Will I ever stop overthinking? oder Take me where I have never been erscheinen darin wie vorübergehende Bewusstseinszustände – für einen Moment lesbar und beinahe greifbar, zugleich aber eingebunden in eine Malerei, die ihnen jede abschließende Eindeutigkeit verweigert.
Besonders deutlich wird dieses Verhältnis von Flüchtigkeit und Dauer in Erdbories’ Love Letters. Viele Briefe fügen sich hier zu einem Archiv vieler Gefühle: Liebe und Verlust, Begehren und Enttäuschung, Hoffnung, Zweifel, Erinnerung und Sehnsucht stehen nebeneinander, ohne einer Hierarchie oder chronologischen Ordnung zu folgen. Der Brief, ursprünglich ein intimes Medium zwischen zwei Menschen, wird aus seinem privaten Zusammenhang gelöst und in den öffentlichen Raum der Ausstellung überführt.
In der seriellen Hängung entsteht eine beinahe archivarische Struktur – doch was hier gesammelt und bewahrt wird, widersetzt sich gerade der Eindeutigkeit eines klassischen Archivs. Gefühle lassen sich nicht abschließend klassifizieren. Sie überlagern sich, widersprechen einander und verändern ihre Bedeutung mit der Zeit. Ein Satz, der für einen Menschen von Verlust erzählt, kann für einen anderen Hoffnung bedeuten. Aus vielen einzelnen, scheinbar persönlichen Botschaften entsteht so eine kollektive Topografie emotionaler Erfahrung. Das Private verliert dabei nicht seine Intimität; vielmehr wird sichtbar, wie sehr gerade unsere vermeintlich persönlichsten Empfindungen Teil einer geteilten menschlichen Erfahrung sind.
Mit den skulpturalen Arbeiten führt Erdbories diesen Gedanken konsequent in den Raum. Der Brief verlässt die Fläche, wird gefaltet, verdichtet und körperlich. Was zunächst leicht, beweglich und vergänglich erscheint, erhält Volumen, Gewicht und Dauer. Die Skulpturen bewahren die Erinnerung an ein ephemeres Medium und verändern zugleich dessen Status: Aus einer Botschaft, die ursprünglich weitergegeben, geöffnet, gelesen und vielleicht verloren werden konnte, wird ein Objekt.
Für WILL I EVER werden Malerei, Schrift und Skulptur deshalb als zusammenhängende räumliche Konstellation gedacht. Die Architektur des Kunstvereins ist dabei kein neutraler Hintergrund, sondern Teil der Ausstellung. Die seriell angeordneten Briefe verdichten sich zu einem visuellen Speicher, während die großformatigen Gemälde einzelne emotionale Zustände beinahe monumental in den Raum setzen. Dazwischen treten die Skulpturen als körperliche Setzungen. Sie unterbrechen Blickachsen, schaffen Nähe und Distanz und führen das zweidimensionale Motiv des Briefes in die Bewegung der Besucher:innen hinein. Die Ausstellung entfaltet sich nicht als lineare Erzählung, sondern als ein Gefüge von Beziehungen, Wiederholungen und Leerstellen.

WILL I EVER lässt sich damit als ein räumliches Archiv emotionaler Zustände lesen. Malerei, Briefe und Skulpturen bewahren keine abgeschlossenen Geschichten, sondern Spuren von Empfindungen: Augenblicke des Begehrens, der Unsicherheit, der Hoffnung, der Melancholie oder des Verlusts. Das Archiv wird hier nicht zum Ort einer festgeschriebenen Vergangenheit, sondern zu einem offenen Speicher, dessen Bedeutung sich mit jeder Betrachtung neu zusammensetzt.
Darin liegt zugleich eine sehr gegenwärtige Dimension von Erdbories’ Arbeit. In einer Kommunikationskultur, in der Sprache zunehmend beschleunigt, digitalisiert und augenblicklich verfügbar geworden ist, richtet sie die Aufmerksamkeit auf die körperliche und zeitliche Dimension einer Botschaft: auf Handschrift und Material, Berührung und Erinnerung, auf das Schreiben ebenso wie auf das Verschwinden. Ihre Arbeiten fragen danach, weshalb manche Sätze verloren gehen, während andere über Jahre in uns fortbestehen – und wie etwas so Flüchtiges wie ein Gefühl überhaupt bewahrt werden kann.
WILL I EVER handelt damit letztlich vom Zustand des Noch-Nicht-Wissens. Die Ausstellung beantwortet die im Titel angelegte Frage bewusst nicht. Sie sammelt vielmehr mögliche Antworten, ohne sich für eine von ihnen zu entscheiden. Zwischen dem, was gewesen ist, dem, was empfunden wurde, und dem, was vielleicht noch sein wird, entsteht jener fragile Zwischenraum, in dem Erinnerung, Gegenwart und Möglichkeit aufeinandertreffen.
Eröffnung: 07. Juni 2026 ab 15 Uhr
Ausstellung bis 19 Juli 2026
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