Ausstellung ab 21.06.2026! Sommerfest: 26.07.2026 ab 16 Uhr ////
Der Kunstverein Jesteburg widmet dem Hamburger Künstler Rupprecht Matthies erstmals eine Einzelausstellung. Die Präsentation knüpft an eine langjährige Zusammenarbeit an, die mit dem Projekt Das Gute versuchen im Kinderheim Forellenhof (2015) begann, sich mit der Installation der Wortskulptur MUT vor der Oberschule Jesteburg (2017) fortsetzte und während des Lockdowns mit dem vielbeachteten Projekt Worte zur Zeit (2020) einen weiteren Höhepunkt fand.
Seit mehr als drei Jahrzehnten zählt Matthies zu den eigenständigsten Positionen einer sprachbasierten Kunstpraxis in Deutschland. Seine Arbeiten entstehen aus Gesprächen, Begegnungen und Recherchen. Worte werden gesammelt, gehört und in neue Konstellationen überführt. Ob im öffentlichen Raum, in Museen, Schulen, Krankenhäusern oder Wohnquartieren – Matthies begreift Sprache nicht als abstraktes Zeichensystem, sondern als gesellschaftliche Praxis. Seine Werke fragen danach, wie Menschen ihre Wirklichkeit beschreiben, wie Erfahrungen sprachlich Gestalt annehmen und wie Worte Gemeinschaft stiften, Konflikte sichtbar machen oder neue Perspektiven eröffnen können.
Die Ausstellung richtet den Blick auf einen Werkzusammenhang, in dem sich zentrale Fragen von Matthies‘ künstlerischer Praxis in neuer Form zeigen. Im Mittelpunkt stehen erstmals Aquarelle sowie eigens für die Ausstellung entwickelte Lichtobjekte. Beide Werkgruppen eröffnen einen Zugang zu einem Bereich seines Schaffens, der hinter den bekannten Interventionen im öffentlichen Raum bislang eher verborgen geblieben ist.
Die Arbeiten kreisen um jene Augenblicke, in denen Worte ihre Eindeutigkeit verlieren und sich einer abschließenden Festlegung entziehen. Sprache erscheint nicht mehr primär als Mitteilung oder Aussage. Sie tritt als Annäherung in Erscheinung – als Versuch, Erfahrungen, Empfindungen und Stimmungen zu berühren, die sich einer präzisen Beschreibung entziehen.
Vielleicht liegt gerade darin ihre besondere Qualität. Worte treffen ein Gefühl oftmals nicht dort, wo sie es definieren, sondern dort, wo sie es umkreisen. Nicht indem sie etwas festschreiben, sondern indem sie einen Raum eröffnen, in dem sich Wahrnehmung, Erinnerung und Vorstellung begegnen können.
In den Aquarellen verbinden sich Schrift, Farbe und Form zu offenen Bildräumen. Wörter schweben zwischen Lesbarkeit und Sichtbarkeit. Farbflächen, Linien, Kreise und organische Formen treten mit den Begriffen in Beziehung, ohne sie zu illustrieren. Die eigens für die Ausstellung entwickelten Lichtobjekte führen diesen Gedanken in den Raum hinein. Sie erscheinen wie Zeichnungen aus Licht oder wie Worte, die sich von der Fläche gelöst haben. Beide Werkgruppen begegnen sich auf Augenhöhe. Was in den Aquarellen als Spur oder Andeutung sichtbar wird, tritt in den Lichtobjekten als räumliche Präsenz hervor.
Hier eröffnet sich zugleich eine Verbindung zu den Überlegungen des Medienphilosophen Vilém Flusser. Flusser beschrieb die Kulturgeschichte als eine Bewegung vom linearen Denken der Schrift hin zu einer zunehmend bildhaften Wahrnehmung. Bilder werden nicht Satz für Satz gelesen, sondern als Beziehungsgefüge erfasst. In Matthies‘ Arbeiten scheint sich eine ähnliche Verschiebung zu vollziehen. Die Wörter verlangen nicht mehr ausschließlich danach, verstanden zu werden. Sie möchten betrachtet werden. Ihre Wirkung entsteht nicht allein aus ihrem semantischen Gehalt, sondern ebenso aus Farbe, Rhythmus, Licht, Abstand und Atmosphäre.
Gerade deshalb entfalten die Arbeiten eine unmittelbare Nähe. Obwohl sie sich eindeutigen Lesarten verweigern, entsteht oftmals das Gefühl, etwas Vertrautem zu begegnen. Die Wörter und Formen scheinen Erfahrungen zu berühren, die sich nur schwer benennen lassen und dennoch augenblicklich präsent sind. Das Persönliche erscheint dabei nicht als private Mitteilung des Künstlers, sondern als offener Resonanzraum. Was von außen entgegentritt, wird im Moment der Wahrnehmung überraschend nah.
Der Titel der Ausstellung verweist auf diese Offenheit. Tell Me lässt sich als Aufforderung verstehen, als Einladung zum Gespräch, als Bitte um Teilhabe oder als Beginn eines Dialogs. Zugleich bleibt offen, wer hier eigentlich spricht und wer angesprochen wird. Wie so oft in Matthies‘ Werk entsteht Bedeutung nicht durch eine eindeutige Aussage, sondern im Raum dazwischen – zwischen Werk und Betrachtenden, zwischen Wahrnehmen und Verstehen, zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was unausgesprochen bleibt.
Die Ausstellung folgt damit jenen flüchtigen Momenten, in denen Bilder zu Worten werden, Worte zu Licht und Wahrnehmung zu Bedeutung. Und sie erinnert daran, dass uns manches gerade dort am nächsten kommt, wo es sich einer endgültigen Erklärung entzieht.