Über den Kunstverein Jesteburg e.V.
„Die Welt liegt zwischen den Menschen.“
Als Hannah Arendt 1959 in ihrer Hamburger Lessingpreisrede “Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten” über die Gefährdung einer gemeinsamen Welt und den Verlust des öffentlichen Raumes nachdachte, schrieb sie: „Die Welt liegt zwischen den Menschen.“ Der historische Ernst, aus dem dieser Satz hervorgegangen ist, verbietet es, ihn als zeitlose Formel für Gemeinschaft zu lesen. Und doch bezeichnet Arendts Gedanke eines zwischen Menschen entstehenden gemeinsamen Weltbezugs etwas, das unserem Verständnis des Kunstvereins sehr nahekommt.
Gesellschaftliche Öffentlichkeit entsteht dort, wo unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen sichtbar werden, wo Menschen einander begegnen und über das, was sie gemeinsam betrifft, sprechen und streiten können. Dieses Dazwischen braucht Orte. Der Kunstverein kann ein solcher Ort sein.
Seit 2013 entwickelt der Kunstverein Jesteburg ein Programm zeitgenössischer Kunst, das internationale und nationale künstlerische Positionen mit seinem unmittelbaren regionalen Umfeld verbindet. In Ausstellungen, Gesprächen, Publikationen und Vermittlungsformaten begegnen sich Künstler:innen und Besucher:innen unterschiedlicher Generationen, Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten. Der KVJ versteht sich dabei nicht allein als Ausstellungsort, sondern als eine Institution kultureller Öffentlichkeit.
Kunst kommt in diesem Verständnis eine besondere Rolle zu. Sie zeigt uns nicht unbedingt, wie die Welt ist; sie zeigt, dass sie auch anders gesehen werden kann. Künstlerische Arbeiten eröffnen Wahrnehmungsräume, die nicht den eigenen Erfahrungen, Gewissheiten und Ordnungen entsprechen müssen. Sie können irritieren, widersprechen, verführen, verunsichern oder etwas sichtbar machen, für das uns bislang die Sprache fehlte. Gerade darin liegt ihre gesellschaftliche Kraft.
Denn Demokratie setzt mehr voraus als Übereinstimmung. Sie ist auf Menschen angewiesen, die Verschiedenheit wahrnehmen und aushalten können; die bereit sind, die eigene Perspektive nicht für die einzig mögliche zu halten und sich mit Erfahrungen auseinanderzusetzen, die ihnen fremd sind. Kunst kann diese Fähigkeit nicht lehren wie eine Regel. Aber die Begegnung mit ihr kann sie einüben. Wer sich auf ein Kunstwerk einlässt, begegnet einer anderen Form, die Welt wahrzunehmen und zu ordnen. In diesem Sinne kann ästhetische Erfahrung zu einer Erfahrung von Pluralität werden – und damit zu jener Fähigkeit beitragen, ohne die eine demokratische Öffentlichkeit nicht bestehen kann.
Aus diesem Grund gehört Kunstvermittlung zum Kern unserer Arbeit. Sie ist für uns weder Übersetzungsleistung für vermeintlich schwer verständliche Kunst noch pädagogisches Begleitprogramm. Sie schafft Zugänge und Situationen, in denen eine eigenständige Auseinandersetzung möglich wird. Führungen, Künstleräche, Workshops und langfristige Bildungsprojekte bringen unterschiedliche Perspektiven miteinander in Beziehung. Nicht die Herstellung einer gemeinsamen Lesart ist ihr Ziel, sondern die Möglichkeit eines gemeinsamen Gesprächs.
Diese Arbeit ist eng mit der Region verbunden. Der KVJ kooperiert kontinuierlich mit Schulen, sozialen Einrichtungen, Vereinen sowie Kultur- und Bildungspartner. Kinder und Jugendliche gehören ebenso zu unserer Öffentlichkeit wie langjährige Kunstbesucher oder Menschen, für die die Begegnung mit zeitgenössischer Kunst bislang nicht selbstverständlich war. Ausstellungen können so zu Ausgangspunkten sozialer Prozesse werden: Menschen begegnen einander über etwas Drittes – über ein Werk, eine Erfahrung, einen Widerspruch, eine Frage.
Gerade im ländlichen Raum verstehen wir darin eine besondere Aufgabe. Kulturelle Öffentlichkeit und die Begegnung mit internationaler Gegenwartskunst dürfen kein Privileg der Metropolen sein. Der KVJ begreift die Nordheide nicht als kulturelle Peripherie, sondern als eigenständigen gesellschaftlichen Raum. Hier können künstlerische Positionen aus unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen auf lokale Erfahrungen treffen – und aus dieser Begegnung können neue Sichtweisen entstehen.
Zugleich verstehen wir den KVJ als lernende Institution. Die Frage, welche Rolle ein Kunstverein in einer sich verändernden Gesellschaft einnehmen kann, verstehen wir als fortwährenden Prozess der Reflexion und Entwicklung. Wir überprüfen die Formen unserer Arbeit, hören zu, beobachten, erproben neue Formate und beziehen die Erfahrungen unserer Besucher, Künstler und Kooperationspartner in die Weiterentwicklung des Hauses ein. Institutionelle Offenheit bedeutet für uns dabei nicht Beliebigkeit, sondern die Bereitschaft, die eigenen Voraussetzungen und Routinen immer wieder zu befragen. Auch eine Kulturinstitution, die andere Perspektiven sichtbar machen möchte, muss bereit sein, die eigene Perspektive verändern zu lassen.
Seit seiner Gründung hat der Kunstverein auf dieser Grundlage ein weitreichendes Netzwerk aus Künstler, Kultur- und Bildungsinstitutionen, sozialen Partner und Unterstützer aufgebaut. Seine kontinuierliche Entwicklung wäre ohne öffentliche Kulturförderung, Stiftungen, private Förder und das Engagement seiner Mitglieder und ehrenamtlich Tätigen nicht möglich. Ihre Unterstützung ermöglicht nicht allein einzelne Ausstellungen. Sie schafft die Voraussetzung für Kontinuität, für professionelle künstlerische Arbeit, für freie Zugänge zu Kultur und für Vermittlungsangebote, die Menschen unabhängig von Herkunft, Alter oder Vorwissen erreichen können.
Wir verstehen diese Förderung deshalb zugleich als Vertrauen und als öffentlichen Auftrag. Die uns zur Verfügung gestellten Mittel sollen kulturelle Teilhabe ermöglichen, künstlerische Produktion stärken und langfristige Beziehungen zwischen Kunst, Bildung und Gesellschaft entstehen lassen. Dass aus Förderung Strukturen erwachsen, die über ein einzelnes Projekt hinaus Wirkung entfalten, gehört zu den wesentlichen Zielen unserer Arbeit.
Der Kunstverein kann die gesellschaftlichen Widersprüche seiner Gegenwart nicht auflösen – und sollte es auch nicht versuchen. Aber er kann einen Raum offenhalten, in dem Unterschiede sichtbar werden, ohne sofort eingeebnet zu werden; in dem Neugier an die Stelle vorschneller Gewissheit treten kann und Menschen einander über Kunst begegnen.
Vielleicht lässt sich Arendts Gedanke für unsere Arbeit deshalb ganz wörtlich nehmen: Die Welt liegt zwischen den Menschen. Unsere Aufgabe sehen wir darin, diesem Zwischenraum einen Ort zu geben.