Pae White “„bugs, drugs, a crab and maybe, some…rain“
Pae White verfügt über ein vielgestaltiges Werk, das sich eindeutigen medialen Zuordnungen immer wieder entzieht. Sie arbeitet mit Textilien, Skulpturen, Installationen, Wandarbeiten, grafischen Verfahren und Bewegtbild und verbindet hochentwickelte Produktionsprozesse mit alltäglichen Materialien und Motiven. Dabei interessiert sie weniger die Beherrschung eines bestimmten Mediums als dessen Möglichkeiten und Grenzen: Was geschieht mit einem Bild, wenn es sein Material wechselt? Was bleibt erhalten, was verändert sich – und was entsteht erst im Prozess der Übersetzung?
Für ihre Ausstellung bugs, drugs, a crab and maybe, some…rain im Kunstverein Jesteburg versammelt White Arbeiten, die ihren Ausgangspunkt vielfach in der Beobachtung von Natur nehmen. Wolkenformationen, Insekten und andere kleine Organismen, Pflanzen oder eine tote Krabbe tauchen als Motive auf. Natur erscheint dabei jedoch nie als unberührtes Gegenüber. Zwischen dem vorgefundenen Phänomen und seiner künstlerischen Erscheinung liegen zahlreiche Prozesse der Wahrnehmung, Aufzeichnung und Transformation: Motive werden fotografiert, isoliert, vergrößert, digital bearbeitet, in Daten übersetzt, gewebt oder in räumliche Konstellationen überführt.
Besonders deutlich wird dies in den großformatigen Tapisserien. Wolken ziehen über tiefblaue oder dunkle Bildräume, Insekten verdichten sich zu ornamentalen Schwärmen. Aus der Distanz können die Gewebe beinahe malerisch erscheinen; aus der Nähe zerfallen ihre Bilder in zahllose einzelne Fäden. Das Flüchtige der Wolke erhält einen materiellen Körper, während Käfer und andere Organismen in ein textiles Raster überführt werden. Natur wird zum Bild und das Bild wiederum zum Gegenstand.
Foto: Fred Dott
Dabei ist die Wahl des Mediums keineswegs zufällig. Die Struktur eines digital erzeugten Bildes und diejenige eines Gewebes weisen eine bemerkenswerte Verwandtschaft auf: Pixel und Webpunkte beruhen auf Rastern, aus deren kleinsten Einheiten sich komplexe Bilder zusammensetzen lassen. White führt diese unterschiedlichen Systeme ineinander. Digitale Bildinformationen werden in die Logik des Webstuhls übertragen und erhalten dort eine neue Materialität. Ein technisch erzeugtes Bild wird zu Stoff; Daten werden zu Fäden.
Doch Übersetzung bedeutet bei White nicht die möglichst verlustfreie Übertragung von einem Zustand in einen anderen. Gerade Abweichungen, Verschiebungen und Störungen gehören zu ihrer ästhetischen Sprache. Digitale Glitches ebenso wie kleine Unregelmäßigkeiten, die während des Webprozesses entstehen können, bleiben sichtbar oder werden bewusst in die Arbeiten einbezogen. An dieser Stelle entwickelt der Ausstellungstitel eine zusätzliche, beinahe beiläufige Bedeutung: Die Tapisserien zeigen bugs – Insekten –, während als bugs zugleich Fehler und Störungen innerhalb technischer Systeme bezeichnet werden. Der Begriff verbindet damit Motiv und Produktionsweise. Der Käfer und der Fehler begegnen einander im selben Bild.
Gerade diese doppelte Bedeutung verweist auf ein grundsätzliches Interesse in Whites Arbeit. Systeme erzeugen Ordnung, aber keine vollkommene Kontrolle. Digitale Prozesse und programmierte Webmaschinen folgen präzisen Regeln und bringen dennoch Abweichungen hervor. Auch natürliche Systeme verbinden Regelhaftigkeit mit Unvorhersehbarkeit: Wolken entstehen unter bestimmten physikalischen Bedingungen und bilden dennoch keine identischen Formationen; organische Strukturen wiederholen Muster, ohne sich vollständig zu wiederholen. Das vermeintlich Fehlerhafte erscheint bei White deshalb nicht notwendig als Defizit. Die Abweichung kann vielmehr produktiv werden – als jener Moment, in dem innerhalb eines Systems etwas entsteht, das nicht vollständig vorhersehbar war.
Dieses Verhältnis von Kontrolle und Unvorhersehbarkeit setzt sich in den sogenannten Open Frames fort. Innerhalb hölzerner Rahmen spannen sich filigrane Fadensysteme auf, überlagern transparente textile Flächen, geometrische Formen und organische Fundstücke. Eine tote Krabbe wird in ein solches Geflecht eingefügt und scheint darin gleichermaßen festgehalten und ausgestellt. Die Arbeiten erinnern entfernt an Schaukästen, Netze oder wissenschaftliche Versuchsanordnungen, verweigern sich jedoch deren ordnender Eindeutigkeit. Die Dinge werden isoliert und präsentiert, ohne dadurch abschließend bestimmbar zu werden.
Zugleich sind die Open Frames tatsächlich offen. Der Blick endet nicht an ihrer Oberfläche. Er fällt durch Fäden und Gewebe hindurch auf die dahinterliegenden Arbeiten, die dadurch Teil eines neuen Bildes werden. Je nach Standort der Betrachtenden entstehen andere Überlagerungen. Kreisformen, Linien, textile Raster, Insekten und organische Körper treten miteinander in Beziehung und lösen sich wieder voneinander. Das einzelne Werk bleibt autonom und wird zugleich Bestandteil einer größeren räumlichen Konstellation.
Dieser Gedanke bestimmt die gesamte Ausstellung. Die großformatigen Gewebe werden nicht ausschließlich wie Bilder an der Wand präsentiert, sondern hängen teilweise frei im Raum. Sie besitzen Vorder- und Rückseiten, bilden Grenzen und Durchblicke, verdecken andere Arbeiten und geben sie aus veränderten Perspektiven wieder frei. Aus Bildern werden Wände, Membranen und Schwellen. Die Besucher:innen bewegen sich nicht mehr lediglich vor den Werken, sondern zwischen ihnen.
Damit verschiebt White auch das Verhältnis von Bild und Architektur. Die Ausstellung lässt sich nicht vollständig von einem einzigen Standpunkt erfassen. Ihre Ordnung erschließt sich in Bewegung. Werke überlagern sich, Ausschnitte verändern sich, neue Blickachsen entstehen. Das Bild wird räumlich und der Ausstellungsraum selbst zu einem Gefüge wechselnder Bilder.
Gerade darin liegt eine wesentliche Qualität von Pae Whites Arbeiten. Gegensätze, die zunächst eindeutig erscheinen, verlieren ihre Trennschärfe: Natur und Künstlichkeit, analog und digital, Zufall und Kontrolle, Bild und Objekt, Oberfläche und Raum. White löst diese Gegensätze nicht auf. Sie bringt sie in Zustände, in denen sie gleichzeitig wirksam bleiben.
Die Wolke ist ein Naturphänomen und ein digital bearbeitetes Bild; schließlich besteht sie aus Fäden. Der Käfer ist ein Organismus, ein fotografisches Motiv und ein Element innerhalb eines programmierten Gewebes. Der bug bezeichnet zugleich das dargestellte Lebewesen und die Störung eines Systems. Eine tote Krabbe wird zum Bestandteil einer abstrakten Komposition. Immer wieder wechseln Dinge ihren Zustand und mit ihm ihre Bedeutung.
Vielleicht liegt gerade darin auch die besondere Form von Naturerfahrung, die bugs, drugs, a crab and maybe, some…rain ermöglicht. Natur erscheint hier weder als romantischer Gegenentwurf zur technologisierten Gegenwart noch als etwas, das sich durch technische Verfahren vollständig erfassen ließe. Sie begegnet uns bereits vermittelt – durch Bilder, Daten, Materialien und kulturelle Vorstellungen. Gleichzeitig bleibt in diesen Übersetzungsprozessen etwas bestehen, das sich der vollständigen Kontrolle entzieht.
Pae White macht diese Zwischenräume sichtbar. Ihre Arbeiten entstehen dort, wo ein System auf ein anderes trifft: Fotografie auf Weberei, digitale Information auf Material, organische Form auf technische Ordnung. Dabei interessiert sie nicht allein, was bei einer solchen Übersetzung erhalten bleibt. Ebenso entscheidend ist, was sich verschiebt, was verloren geht – und was gerade durch einen Fehler, eine Abweichung oder einen glücklichen Kontrollverlust neu entstehen kann.