Verena Issel: FITNESS Kraft & Schönheit

Verena Issel schafft Rauminstallationen, Skulpturen, Filme, Zeichnungen, Collagen und Wandobjekte. Die Künstlerin lässt mitunter sonderbar, possierlich, gefährlich oder humorvoll anmutende, raumgreifende Szenarien entstehen, deren gesellschaftspolitische Bezüge auf den zweiten Blick eine eindringliche Ernsthaftigkeit entfalten können. Die Inhalte ihrer Arbeiten variieren, versammeln sich aber stets im Umfeld relevanter Gegenwartsdiskurse. Ihre Themen, ebenso wie Gestalt und Material ihrer Rauminstallationen, reagieren präzise auf das jeweilige Ausstellungsumfeld.

In ihrer Ausstellung Kraft und Schönheit im Kunstverein Jesteburg widmet sich Verena Issel den Möglichkeiten ideologischer Einschreibungen im Kontext von Selbstfindungs- und Selbstoptimierungspraktiken. Ausgangspunkt ist dabei eine zunächst gegenwärtige Beobachtung: Beschleunigung, Wachstum und Innovationsverdichtung gehören zu den grundlegenden, strukturbildenden Qualitäten unserer Gesellschaft westlicher Prägung. Als Mitglieder einer solchen Gesellschaft unterliegen wir Imperativen, die permanente Aktivität, Flexibilität und Selbstoptimierung sowie die stetige Anhäufung unseres Kapitals fordern – sei es ökonomisch, kulturell, sozial oder körperlich. Der in den 1980er-Jahren attestierte „Fahrstuhleffekt“ ist zunehmend vielgestaltigen „slippery slopes“, einem alltäglichen Wettbewerb um gesellschaftliche Positionen gewichen. Um die Position, die wir erreicht haben, zu halten, müssen wir uns fortwährend verbessern, innovativer und kreativer sein, stets beweglich und agil bleiben.

Der Körper nimmt innerhalb dieser Logik eine besondere Stellung ein. Er ist nicht mehr allein Voraussetzung unseres Handelns, sondern wird selbst zum Gegenstand permanenter Arbeit: Er soll gesünder, belastbarer, schöner, beweglicher und leistungsfähiger werden. Fitnessgeräte gehören zu den alltäglichsten Instrumenten dieser Arbeit am Selbst. Sie versprechen Veränderung durch Disziplin und Wiederholung und übertragen die Logik von Steigerung und Messbarkeit unmittelbar auf den eigenen Körper.

In Issels Ausstellung begegnen uns diese Apparaturen jedoch ihrer Funktion enthoben. Sie erscheinen als Zeichnungen auf einem nahezu vollständig gestalteten Boden und zugleich als lineare, von der Decke herabhängende Skulpturen, die den Raum wie dreidimensionale Zeichnungen durchziehen. Aus den konstruktiven Formen der Geräte entwickeln sich Körperfragmente, abstrakte Zeichen und eigentümliche, beinahe kultisch anmutende Objekte. Die Apparaturen, die gewöhnlich dazu dienen, Körper zu formen, werden selbst verformt.

Damit verändert sich auch der Raum. Die hängenden Objekte, die farbigen Bahnen am Boden, die intensive Farbigkeit der Wände und die zentrale Position des Bildschirms erzeugen eine Ordnung, die zwischen Fitnessstudio, Yogaraum und sakralem Raum changiert. Der zunächst helle, spielerische und beinahe euphorische Charakter der Installation steht dabei in einem bewussten Spannungsverhältnis zu den Fragen, die sie verhandelt. Die Ausstellung erscheint verführerisch, bevor sie ihre ideologischen Verwicklungen preisgibt.

Diese räumliche Dramaturgie führt unmittelbar zu einem zweiten Bezugspunkt der Ausstellung: der benachbarten Kunststätte Bossard. Auch dort sind Architektur, Ornament, Kunst und Weltanschauung zu einem umfassenden Raumgefüge verbunden. Die tempelartigen Räume bilden keine neutralen Behältnisse für einzelne Kunstwerke; sie entwerfen eine Umgebung, in der ästhetische Erfahrung und ideologische Vorstellung ineinandergreifen. Issel übernimmt diese Form nicht, sondern setzt ihr eine gegenwärtige, künstliche und überzeichnete Variante entgegen. Wo bei Bossard Pathos, Materialität und Monumentalität vorherrschen, begegnen uns im Kunstverein leuchtende Farben, Yogamatten, Fitnessgeräte und fragile, fast karikaturhafte Skulpturen.

Gerade diese Gegenüberstellung verweist auf eine grundsätzliche Frage der Ausstellung: Ideologie begegnet uns nicht notwendig als politische Doktrin. Sie kann sich in ästhetischen Formen, räumlichen Ordnungen, Körperbildern und alltäglichen Praktiken vermitteln – und gerade dort wirksam werden, wo sie nicht als Ideologie wahrgenommen wird.

Als Reaktion auf die Anforderungen einer beschleunigten und leistungsorientierten Gesellschaft haben Begriffe wie Entschleunigung, Resilienz und Gelassenheit gemeinsam mit Yoga- und Achtsamkeitspraktiken Hochkonjunktur. Hinter ihnen steht nicht selten die Sehnsucht nach einer anderen Form des „In-der-Welt-Seins“, nach einem Leben jenseits permanenter Verfügbarkeit, Konkurrenz und Selbststeigerung. Gerade weil solche Praktiken ein besseres, ausgeglicheneres oder selbstbestimmteres Leben versprechen, können sie sich jedoch erstaunlich leicht wieder in jene Optimierungslogik einfügen, der sie zunächst zu entkommen versprechen. Aus Gelassenheit wird eine Kompetenz, aus Achtsamkeit eine Technik und aus Resilienz die Fähigkeit, auch unter widrigen Bedingungen weiterhin zu funktionieren. Die gesellschaftliche Zumutung verschwindet nicht notwendig – mitunter wird lediglich ihre Bewältigung auf das Individuum übertragen.

Issel überführt diese Ambivalenz in die Bildsprache der Ausstellung. Auf dem Boden des Kunstvereins überlagern sich ihre Zeichnungen von Fitnessgeräten mit politisch und historisch aufgeladenen Zeichen. Hakenkreuz, Hammer und Sichel und andere Symbole treten aus den konstruktiven Formen der Apparaturen hervor und verschwinden wieder in ihnen. Darüber liegen farbige Yogamatten. Teile der Zeichnungen werden verdeckt, andere bleiben sichtbar; abhängig vom eigenen Standpunkt im Raum treten unterschiedliche Zusammenhänge hervor.

Das Verdecken wird damit selbst zu einem ästhetischen und erkenntnistheoretischen Prinzip der Ausstellung: Was dem Blick entzogen wird, verliert weder seine Geschichte noch seine Wirksamkeit.

Diese Geste erhält durch die unmittelbare Nachbarschaft zur Kunststätte Bossard eine besondere Schärfe. In deren historischer Bodengestaltung befindet sich ein Hakenkreuz. Nachdem das Zeichen öffentlich thematisiert worden war, wurde es mit einem Teppich überdeckt. Issel greift diesen Umgang auf und übersetzt ihn in eine ebenso präzise wie absurde Bildlogik.

In dem eigens für die Ausstellung produzierten Video tragen die Darsteller:innen Kostüme, deren Gestaltung die ornamentale Bodengrafik der Kunststätte aufnimmt. Der historische Raum legt sich gewissermaßen als zweite Haut über die Körper. An jener Stelle des Kostüms, die dem Hakenkreuz im Boden entspricht, erscheint wiederum der Teppich, mit dem das Zeichen in der Kunststätte verdeckt wurde. Das Verborgene und seine Verbergung werden damit gemeinsam zum Bild.

Diese Verschiebung ist charakteristisch für Issels künstlerisches Verfahren. Anstatt das problematische Symbol lediglich erneut zu zeigen, richtet sie den Blick auf die Praxis seines Verdeckens. Die Frage lautet damit nicht nur, was ein Zeichen bedeutet, sondern auch, wie Institutionen und Gesellschaften mit den Bedeutungen umgehen, die ihnen historisch überliefert wurden. Im Ausstellungsraum installierte Texte erläutern deshalb die historische und rechtliche Einordnung des Hakenkreuzes und zeigen zugleich, wie sehr Zeichen ihre Bedeutung im Verlauf der Geschichte verändern, verlieren oder neu aufladen können. Ein Symbol unsichtbar zu machen bedeutet nicht, die in ihm sedimentierte Geschichte zum Verschwinden zu bringen.

Auch das Video folgt dieser Logik der Überlagerung. Seine Ästhetik zitiert jene Yoga-, Meditations- und Selbsthilfevideos, die körperliche Übungen mit dem Versprechen von Ruhe, Konzentration und persönlicher Transformation verbinden. Die kostümierten Körper vollziehen entsprechende Bewegungen, während ein Voice-over im vertrauten Tonfall einer geführten Meditation durch die Übungen führt. In diese vermeintlich beruhigende Anleitung sind zugleich Passagen aus Franco „Bifo“ Berardis Manifest des Post-Futurismus eingeschrieben.

Form und Inhalt geraten dadurch in ein produktives Missverhältnis. Die Stimme beruhigt, der Körper folgt, die Übung verspricht Konzentration – während sich zugleich gesellschaftliche und politische Vorstellungen vermitteln. Issel führt damit vor, dass Ideologie keineswegs ausschließlich über manifeste politische Botschaften transportiert wird. Sie kann sich ebenso in Routinen, Bildern und Praktiken einschreiben, die zunächst privat, fürsorglich oder unpolitisch erscheinen.

Nicht Yoga oder Meditation als solche stehen damit zur Disposition. Die Ausstellung fragt vielmehr danach, welche Vorstellungen vom Menschen, vom Körper und von Gesellschaft sich mit Praktiken der Selbstsorge verbinden können. Wiederholung, Disziplin, Transformation und das Versprechen eines anderen Zustands gehören ebenso zu religiösen und kultischen Praktiken wie zu manchen gegenwärtigen Formen der Arbeit am eigenen Selbst. In der sakral anmutenden Raumordnung der Ausstellung treten diese strukturellen Verwandtschaften hervor, ohne dass sie miteinander gleichgesetzt werden.

Von hier führt die Ausstellung zurück in die Geschichte. Im Nebenraum zeigt Issel reproduzierte Seiten der lebensreformerischen Zeitschrift Kraft und Schönheit, auf die bereits der Ausstellungstitel verweist. Die Künstlerin hat die historischen Texte gelesen, Passagen markiert und mit eigenen Anmerkungen versehen. Das Dokument wird damit nicht als abgeschlossenes Zeugnis einer vergangenen Epoche präsentiert, sondern einer gegenwärtigen kritischen Lektüre unterzogen.

Die Zeitschrift verband Vorstellungen von Körperkultur, Gesundheit, Natürlichkeit und gesellschaftlicher Erneuerung mit ideologischen Positionen und fremdenfeindlichen Tendenzen. Gerade die Geschichte der Lebensreform zeigt, dass die Sehnsucht nach einem natürlicheren, gesünderen oder ganzheitlicheren Leben politisch keineswegs eindeutig codiert ist. Emanzipatorische Impulse konnten neben nationalistischen, völkischen und ausgrenzenden Vorstellungen bestehen und sich mit ihnen verbinden.

Hier schließt sich der Kreis zur Gegenwart. Die Ausstellung behauptet keine historische Kontinuität zwischen Lebensreform, heutiger Fitnesskultur, Yoga oder Meditation. Sie untersucht vielmehr eine strukturelle Frage, die unterschiedliche historische Konstellationen miteinander verbindet: Was geschieht, wenn die Arbeit am eigenen Körper mit Vorstellungen darüber verbunden wird, wie ein Mensch sein sollte? Wann wird aus Selbstsorge Selbstdisziplinierung, aus dem Wunsch nach Veränderung ein Imperativ zur Verbesserung – und unter welchen Bedingungen werden individuelle Praktiken anschlussfähig für gesellschaftliche oder ideologische Ordnungen?

Kraft und Schönheit entfaltet diese Fragen nicht als lineare Argumentation, sondern als räumliche Konstellation. Fitnessgeräte werden zu Zeichnungen und Skulpturen, politische Zeichen verschwinden unter Yogamatten, ein historischer Boden legt sich als Kostüm über gegenwärtige Körper, ein Teppich wandert vom Museumsraum auf deren Haut, gesellschaftstheoretische Sätze verbergen sich in einer Meditation und ein historisches Dokument wird durch Markierungen und Kommentare in die Gegenwart zurückgeholt.

Gerade die spielerische, farbintensive und bisweilen komische Erscheinung der Ausstellung ist dabei kein Gegensatz zu ihrer politischen Ernsthaftigkeit, sondern deren Voraussetzung. Denn das Gefährliche erscheint nicht notwendig in der Gestalt des Gefährlichen. Weltanschauungen können sich mit Versprechen von Schönheit, Gesundheit, Gemeinschaft, Selbstverwirklichung oder einem besseren Leben verbinden. Sie können verführen, bevor sie als Ideologie erkennbar werden.

Issels Ausstellung richtet den Blick deshalb weniger auf einzelne Symbole als auf die Prozesse, durch die Bedeutungen entstehen, vermittelt, überlagert und mitunter auch verdrängt werden. Sie fragt danach, was sichtbar bleibt, was verdeckt wird – und was gerade deshalb weiterwirken kann.

Zur Künstlerin

Verena Issel wurde 1982 geboren und studierte freie Kunst an der HfbK Hamburg sowie klassische Philologie an der Universität Hamburg. Zahlreiche Reisestipendien und Artist-in-Residence-Programme führten sie unter anderem nach Russland, Taiwan, Südkorea, Japan, Litauen und Papua-Neuguinea. Einzelpräsentationen ihrer Arbeiten waren unter anderem an der Volksbühne Berlin, im ZARYA Center for Contemporary Art, in der Trafo Kunsthall sowie im Westfälischen Kunstverein / LWL-Museum Münster zu sehen. 2020 war Verena Issel Gastprofessorin an der HfbK Hamburg.

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